Du musst – früher und heute

Achtung! Dieser Blogbeitrag ist nicht suchmaschinenoptimiert. „Du musst“ eignet sich als Keyword der Häufigkeit nach in diesem Text. Aber wer sucht danach ohne Zusatz (…“über sieben Brücken“ zum Beispiel)? Immerhin, ich habe bei Google Trends nachgeschaut, was man ja MUSS, wenn man einen ordentlichen, erfolgreichen Blogbeitrag schreiben möchte. „Du musst“ wäre immerhin eine Phrase, nicht nur ein einzelnes Wort, wie das heute sein MUSS für ein gutes Keyword. Aber leider wird eben nicht in der Art danach gesucht. Und diese Bedingung MUSS ein Keyword natürlich erfüllen. Daher gebe ich keine Gewähr zur Professionalität dieses Textes und übernehme keine Haftung für Schäden oder persönliche Veränderungen durch Lesen selbigen.

Dies ist ein Beitrag zur Blogparade „Einen Scheiß muss ich! Warum man nicht jeden Trend mitmachen muss“ von Elke von Ferderführend Media

 

Du musst, du darfst, du willst – oder auch nicht!?

Als das MUSS unangenehm wurde

Das MUSS richtig offensichtlich begegnete mir das erste Mal bei meinem ersten Kind. Beziehungsweise in dessen Schwangerschaft – oder eigentlich schon vor dieser ersten Schwangerschaft.

Natürlich gab es auch MUSS in meiner Kindheit. Meine Eltern waren sehr korrekt: Was man macht, macht man richtig. Es lehrte mich, man MUSS auch mal machen, will man ein Ziel erreichen. Und dann ist es ja eigentlich ein WILL und kein MUSS mehr. Anderseits bedeutete es, dass es wenige Möglichkeiten zur Veränderung gab. Das fand ich sehr schade und entwickelte eine Strategie, damit zu leben. Doch irgendwann kommt jede Strategie ins Wanken.

„Wenn Sie schwanger werden wollen, werden Sie sicherlich Hormone nehmen MÜSSEN!“, höre ich meinen damaligen Frauenarzt sagen. Das war der Moment! Es schoss mir das erste Mal bewusst durch den Kopf: „EINEN SCHEISS MUSS ICH! – Entweder ich bekomme Kinder ohne Hormone oder ich bekomme gar keine.“ „Was soll das?“, fragte ich mich. Und antwortete: „Ich kann auch ohne Kinder glücklich sein.“ Seit dem treffe ich immer wieder auf Menschen in meinem Leben, die mir sagen wollen, wie ich zu leben habe und was ich alles tun MUSS – um erfolgreich sein, um Anerkennung zu bekommen.

Hier ist meine Liste mit meinen MUSS in meinem Leben – ganz wertfrei!

 

Was mir Leute sagen, was ich MUSS:

Du MUSST natürlich gebären.
Du MUSST stillen.
Das Kind hat eine Allergie Sie MÜSSEN aufhören zu stillen.
Du MUSST weiterstillen, Du MUSST eine Diät machen.
Das Kind ist schwer krank, Sie MÜSSEN…

Ihr Kind MUSS sich drehen.
Das Kind MUSS in Rückenlage schlafen.
Das Kind MUSS alleine einschlafen.
Sie MÜSSEN das Kind mit zwei Monaten siebenfach impfen. – Wir MÜSSEN warten mit dem Impfen wegen der Medikamente.

Sie MÜSSEN einmal im Jahr mit dem Kind zur U-Untersuchung.
Es MUSS mit zwei Jahren so und so viele Wörter sprechen.
Es MUSS ein Männchen mahlen – keinen Apfelbaum und kein Haus.
Es MUSS in die Gauß`sche Glockenkurve passen…!?

Du MUSST Bücher lesen über Erziehung und Schwangerschaft.
Du MUSST deine Familie gesund ernähren.
Ab zwei Kinder MUSST du in einem Haus wohnen.
Du MUSST Sport machen.
Du MUSSt Haus und Hof schön machen. – Und dich selber auch.

Das Kind MUSS in den Kindergarten – ganztags.
Das Kind MUSS zur Schule – in eine private.
Das Kind MUSS Abi machen.
Das Kind MUSS studieren.
Es MUSS sozial kompetent sein.

Du MUSST nach einem Jahr wieder arbeiten.
Du MUSST einen Halbtagsjob haben, wenn nicht Dreiviertel.
Du MUSST deine Kinder in der Bewerbung verleugnen.
Du MUSST produktiv sein.

Du MUSST mit dem Kind zum PEKIP und zum Babyschwimmen gehen.
Das Kind MUSS mit drei Jahren Fahrrad fahren.
Du MUSST es auf What`sApp posten.
Du MUSST das Kind mit vier Jahren beim Schwimmkurs anmelden.
Mit fünf MUSS es in die Musikschule gehen.
Du MUSST die Kinder gut erziehen – sie dürfen keinen Blödsinn machen.

Als gläubige Christin MUSST du in eine Kirchengemeinde gehen.
Du MUSST sonntags zum Gottesdienst gehen.
Du MUSST alles andere hinten anstellen.
Du MUSST einen gläubigen Christen heiraten.
Du MUSST in der Gemeinde mitarbeiten – und dort Karriere machen.

Du MUSST sozialversicherungspflichtig arbeiten wollen, willst du Hilfe vom Arbeitsamt.
Du MUSST selbständig werden als Journalistin – Und wenn du Geld verdienen willst, ins PR gehen.
Du MUSST einen Blog haben.
Du MUSST im Social Media aktiv sein.
Du MUSST Experte werden.

Du MUSST alle zwei Wochen, besser jede Woche, etwas auf deinem Blog posten.
Deine Beiträge MÜSSEN suchmaschinenoptimiert sein.
Sie MÜSSEN ausgehende Links enthalten.
Sie MÜSSEN Fotos beinhalten – und Videos.
Du MUSST deine Fotos verschlagworten…

Du MUSST täglich so und so viel im Social Media posten.
Du MUSST herzeln.
Du MUSST kommentieren.
Du MUSST teilen.
Du MUSST Produktivitäts-Gurus folgen.

Du MUSST in Facebook-Gruppen aktiv sein.
Du MUSST die Konkurrenz beobachten.
Du MUSST Challenges mitmachen.
Du MUSST bei Blogparaden mitmachen – so eine, wie diese eine ist – das erhöht deine Sichtbarkeit.

 

Hat man früher einfacher gemussst?

Mit dieser Blogparade fällt mir mal wieder auf, wie vielen Menschen das Thema MUSS und Entscheidungen-nach-dem-Herzen-treffen wichtig ist. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, war das doch früher schön, als man sich nur damit befassen musste, was man die nächsten Tage isst und jagt. Und ich habe mich gefragt, wie war das eigentlich früher? War früher MÜSSEN wirklich einfacher? MUSSTE man früher nicht auch? War früher MÜSSEN gar kein Problem?

Ich denke, in der Kriegs- und Nachkriegszeit haben sich tatsächlich bei den meisten Leuten die MUSS um die Existenz gedreht: Das Kind MUSS den Teller leer essen, denn wer weiß, ob wir morgen etwas zu essen haben. Oder: Wir haben nur diesen einen Topf, mit dem MUSS man sorgsam umgehen, er ist kein Spielzeug. Schön und einfach war beides für ein Kind bestimmt auch nicht. Ein Trend-MUSS, nach dem Motto welcher Pelzmantel gerade in ist, war eher Luxus. Allerdings gab es früher ebenfalls politische und gesellschaftliche Trends, für oder gegen die man sich entscheiden MUSSTE. Das klassische Beispiel wäre: Trete ich in eine NSDAP ein oder nicht?

Einfacher waren die MUSS früher auch nicht, denke ich, nur anders.

 

MUSS als Chance?

Kriegs- und Friedenszeiten wechseln sich ab und damit auch die Zwänge, das Existenz-Muss und das Trend-Muss. Seit jeher strebt die Menschheit danach, sich zu verbessern und zu optimieren – von der Steinzeitjagdwaffe bis zum heutigen Maschinengewehr. Das Leben fordert jede Generation neu heraus, sich zu entscheiden, was sie von den Alten ablegen möchte. Welche Idee ist gut und welche nicht? Welche Zwänge sind nicht mehr zeitgemäß?

Ist dieses MUSS vielleicht auch eine Chance? Eine Chance sich selbst und seine eigenen Werte zu finden, überlege ich.

 

Warum ich nicht jedes MUSS mitmache

Heute wimmelt es an „Experten“, die mir sagen wollen, was richtig ist. Wie ich Erfolg habe und wie ich zu Anerkennung gelange. Es geht lange nicht mehr um die Muss der Existenz. Sie wurden abgelöst durch Leistungs-MUSS. Sicherlich war es eine Zeitlang sinnvoll für die Existenz, erfolgreich zu sein. Aber jetzt? Ist es nicht Zeit sich davon zu lösen? Und schon höre ich die nächsten Experten mit dem Wohlfühl-MUSS bei mir anklopfen.

Woher wissen eigentlich all diese Experten, was für mich richtig ist? Was für mich Erfolg ist? Wann ich mich wohl fühle? Womit ich zufrieden bin?

Ich möchte nach den Werten leben, die ich als gut empfinde. Und nicht nach Werten, die ich vorgesetzt bekomme.

 

Einen Sch… MUSS ich!

Eigentlich bin ich zufrieden mit dem, was ich habe. Manchmal fühle ich mich dennoch so, als ob ich mich rechtfertigen müsste, weil ich so lebe, wie ich lebe. Ich habe das Gefühl, dass ich weniger gesellschaftliche Anerkennung bekomme, weil ich viele der oben genannten MUSS nicht mitmachen MÖCHTE. Vielleicht ist es auch mein eigenes Psychoding.

Und vielleicht sollte ich einfach mal sagen: „Einen Scheiß MUSS ich mich rechtfertigen für die MUSS, die ich nicht mitmache!“

 

 

Welche MUSS begegnen dir in deinem Leben und wie begegnest du ihnen? Ich freue mich, wenn du deine Erfahrungen in den Kommentaren teilst.